Schminken

Meine Nichte ist eine richtige kleine Prinzessin. So war sie schon immer und ich glaube, das wird bei ihr auch so bleiben. Jetzt ist sie inzwischen 14 und meint, sie muss sich jetzt unbedingt anfangen zu schminken. Wie das ja immer so am Anfang ist, man übertreibt. Die ersten Übungen waren einfach zu  schlimm. Mein Gott, sah das Kind fürchterlich aus. Wie ein bemalter Zombie. Also mir hat das gar nicht gefallen. Ich bin ja auch ohnehin eher gegen Schminken. Aber wenn ich ganz ehrlich bin und Jahre um  Jahre zurück denke – mit 17 bin ich ungeschminkt noch nicht einmal zum Mülleimer gegangen. Schrecklich, wenn ich nur daran denke.

Risse in der Seele werden meist mit viel Make Up im Gesicht zugespachtelt, hat mal jemand Kluges gesagt. Und jugendliche Unsicherheiten bestimmt genau so. Ach, lass sie halt einfach, sagt meine Schwester, die ja immerhin die Mutter meiner Nichte ist. Das wächst sich bestimmt aus. Da ich diese Autorität nicht toppen kann, halte ich meinen Tantenmund und schaue mir das Ganze mehr oder weniger belustigt an.

Das Nichtchen steht nun schon immer eine halbe Stunde eher auf. Die Zeit im Bad hat sich verdoppelt. Früher ging das schnell, aber Schminken ist offensichtlich eine Kunst und braucht Übung. Und wie die jungen Damen ja so sind, sie sind in den seltensten Fällen zufrieden mit ihrem Aussehen. (Aber ganz ehrlich, das hat mit dem Schminken auch nichts zu tun).

Ich glaube, das Schminken ist die offensichtliche Demonstration nach Außen, das man sich selber nicht mehr als Kind betrachtet, und von den anderen auch nicht mehr als Kind behandelt werden möchte. Ja, es ist wohl wirklich eine besonders farbige Art der Demonstration. Ich muss in mich hinein lächeln. Ach lasse sie wirklich einfach, ich glaube auch, dass sich das auswächst. Unsereiner war früher ja ein bisschen genau so, oder ? Wir haben damit nur ein wenig später angefangen, glaube ich. So mit 16 oder 17, als es dann zur Tanzstunden ging. Aber na gut, heute sind die Kinder ja mit Allem früher dran. So scheint  es mir wenigstens. Schminken, rauchen, Erwachsen spielen. Damit muss ich mich wohl abfinden. Was mache ich nur, wenn meine eigene Tochter damit anfängt. Ob ich dann wohl auch so gelassen bleiben kann wie meine bewundernswerte Schwester? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich werde die heitere Gelassenheit einfach schon mal an meiner Nichte üben. Davon wird Leonie nur profitieren.


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